«Genossenschaften verfügen über einen eingebauten Innovationsmotor»

Franco Taisch ist Unternehmer, Verwaltungsrat und Universitätsprofessor. Als Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Luzern und Vorsitzender im Direktorium des IFU|BLI Institut für Unternehmensrecht befasst er sich stark mit der Gestaltung von Geschäfts- und Governance-Modellen. Er ist Delegierter im Vorstand der IG Genossenschaftsunternehmen, die sich für eine wissenschaftliche Förderung des Genossenschaftswesens einsetzt und Verwaltungsrat in verschiedenen Unternehmen, so u.a. der Raiffeisen Gruppe.

Im Rahmen des Strategieprozesses ABZ 100+ haben Mitglieder der ABZ-Geschäftsleitung und des -Vorstands Gespräche mit Expert/innen aus der Immobilienwirtschaft, Genossenschaftsbewegung, Politik und Wissenschaft geführt. Ab sofort publizieren wir an dieser Stelle jeden Monat eines der sechs Interviews. Wir wünschen spannende Lektüre!


ABZ: Franco Taisch, welche Themen stehen bei den Wohnbaugenossenschaften aktuell im Mittelpunkt?

Die demografische Entwicklung. Der Anteil alter Menschen steigt und mit zunehmendem Alter verändert sich ihre Wohnsituation: Aus einer grossen Wohnung oder einem Haus ziehen sie in eine kleinere Wohnung, und von dort aus meist direkt in ein Alters- oder Pflegeheim. Nach der kleinen Wohnung besteht bei den Wohnformen eine Lücke.


Was können die Baugenossenschaften beitragen, um diese Lücke zu füllen?

Es gibt ein grosses Bedürfnis, sich im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe in Gruppen zusammenzutun und neue Wohnformen auszuprobieren. Genossenschaften eignen sich besonders gut dafür. Der genossenschaftliche Gedanke wird dadurch gefördert, alte Menschen behalten ihre Selbstständigkeit und es entsteht ein volkswirtschaftlicher Nutzen. Mehrere Genossenschaften könnten sogar Einkaufsgenossenschaften initiieren, die Dienstleistungen anbieten wie zum Beispiel Einkauf, Hundesitter oder Blumenpflege. Mehrere Genossenschaften zusammen hätten auch das Potenzial, eine Ärztegenossenschaft zu bilden. Der Genossenschaftsgedanke könnte so immer weiter dekliniert werden.


Wie sollen sich Genossenschaften wie die ABZ positionieren?

Genossenschaften sind keine rein auf privatwirtschaftlichen Investorennutzen ausgerichtete Unternehmen, da sie nicht gewinnmaximierend orientiert sind. Aber sie sind auch keine staatlichen Institutionen, da sie keine durch den Staat finanzierte Dienstleistung der Verwaltung erbringen. Die Genossenschaft ist eine spezifische Form, die sich historisch betrachtet vor allem in der privatwirtschaftlichen Bereitstellung von Infrastruktur bewährt hat, wie etwa bei Flur- oder Alpgenossenschaften. Und das Wohnen respektive die Verteilung des Landes dafür ist ebenfalls eine solche Infrastrukturaufgabe. Genossenschaften haben in diesem Sinne eine Brückenfunktion, die es proaktiv und unternehmerisch zu gestalten gilt.
Beim Bodenpreis sollten die Genossenschaften keinen Vorteil haben, sie bewegen sich im gleichen Markt wie andere Geschäftsmodelle. Hier gilt: gleich lange Spiesse. Man könnte sich im Sinne eines Gedankenspiels höchstens überlegen, ob die zusätzlichen Leistungen, welche die Genossenschaften durch ihr Geschäftsmodell mit Blick auf die Infrastrukturbereitstellung volkswirtschaftlich erbringen, separat staatlich zu entschädigen  oder vom Staat bei gleichem Kaufangebot staatlichen Bodens durch eine Art Vorhandrecht zu honorieren wären. Dabei darf aber kein Rosinenpicken entstehen. Um 1920 herum waren die Genossenschaften beispielsweise noch steuerbefreit, was andere Unternehmensformen je länger je mehr ungerechtfertigt benachteiligte. Bei der Anpassung des Genossenschaftsrechts waren dann im Nationalrat Voten zu hören wie «das Genossenschaftszeugs muss wie der Beelzebub vertrieben werden». Solche Reaktionen sind verständlich und Genossenschaften sollten nicht erneut Gründe dafür schaffen.


Welche gesellschaftlichen Entwicklungen wirken sich direkt auf die Baugenossenschaften aus?

In der Wirtschaft kommt es vermehrt zu Wertediskussionen: Welchen Nutzen soll wirtschaftliches Handeln stiften? Es gibt eine starke Tendenz weg vom reinen Shareholder-Value hin zu einer Werteschaffung für die beteiligten Stakeholder. Von ihrer DNA her sind die Genossenschaften hier sehr gut positioniert. Sie zielen gerade auf eine solche mehrdimensionale Werteschaffung. Auch klassische grosse Aktiengesellschaften können sich dieser gesellschaftlichen Diskussion nicht entziehen und haben bereits begonnen, sich diesbezüglich neu - genossenschaftsähnlich mit Umschreibungen wie «shared value» etc. - zu positionieren. Den Genossenschaften bleibt aber noch ein gewisses Zeitfenster, um ihr Modell noch stärker zu nutzen und zu kommunizieren. Sie sollten sich allerdings nicht Ideologien hingeben, auf Lorbeeren ausruhen oder als einzig richtige Wirtschaftsform betrachten und einfach darauf hoffen, dass dies immer so bleibt. Eine gesunde Wirtschaft braucht Diversität, dies gerade auch im Infrastrukturbereich. Und so eignen sich für gewisse Infrastrukturthemen eher aktiengesellschaftlich-strukturierte Unternehmen, für andere eben genossenschaftlich-strukturierte Unternehmen und für nochmals andere der Staat. Das ist gut so und das genossenschaftliche Modell wird auch in Zukunft einen prominenten Platz einnehmen, wenn Genossenschaften dafür auch etwas tun.

Beobachten Sie weitere Trends?

Das Streben nach echter Innovation ist nicht nur ein Trend, sondern eine Notwendigkeit für unsere Gesellschaft. Und hier verfügen die Genossenschaften über einen ganz speziellen Innovationsmotor: das Mitglied. Es ist gleichzeitig Kunde, manchmal Lieferant oder auch Arbeitnehmer. Das Mitglied hat damit mehrere Rollen, was zu integrierten Sichtweisen und Anliegen führt. Macht man sich diese Identität der Rollen im Innovationsprozess zu Nutze, werden wir spannende Ergebnisse sehen, die dem genossenschaftlich-strukturierten Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil bringen können. Ein gutes Beispiel ist die Migros: Sie lässt ihre Mitglieder/Kunden am Produktdesign teilhaben.


Wird auch die Globalisierung weitergehen?

Ja – hinzu kommt aber gleichzeitig neu ein Trend zur Regionalisierung. Dabei sind Netzwerke besonders wichtig. Netzwerke bewahren die lokale Verankerung und schaffen Vorteile grösserer Einheiten. Und auch hier sind die Genossenschaften gut positioniert, da sie bereits viel Erfahrung darin haben, wie zum Beispiel fenaco oder Raiffeisen, die als genossenschaftliche Netzwerke (Genossenschaftsverbände) organisiert sind.
 

Was wünschen Sie sich von den Wohnbaugenossenschaften?

Oft schreiben Baugenossenschaften in ihren Statuten den Gemeinnützigkeitsanspruch fest. Aber sie sind eigentlich nicht gemeinnützig, sondern mitgliedernützig. Im Kern sind sie doch betriebswirtschaftliche Organisationen, die den Gewinn ihren Mitgliedern direkt oder indirekt zukommen lassen und nicht der Allgemeinheit. Um dies mit einem gewissen Gemeinnützigkeitsanspruch zu verbinden, sollten sie ihren Nutzen explizit auf weitere Anspruchsgruppen ausdehnen. So entstünde eine mehrdimensionale Werteschaffung, womit sich die Baugenossenschaften viel Goodwill verschaffen könnten. Sie sollten in der Gesellschaft Brückenbauerinnen im lebensnotwendigen Infrastrukturbereich Wohnen, für alle Menschen im Land offen und eben auf eine mehrdimensionale Nutzenstiftung für ihre Mitglieder und die beteiligten weiteren Anspruchsgruppen ausgerichtet sein.
Auf Netzwerkebene muss der Verband gestärkt werden und für die Mitglieder einen effektiven Mehrwert schaffen. Beispielsweise durch einen erleichterten Zugang zu Kapital mittels Mitgliederbeiträgen oder etwa die Bildung von Dienstleistungseinheiten wie einer Putzgenossenschaft, die nicht gewinnmaximierend orientiert ist und daher günstiger arbeitet.
Besonders wichtig ist, das Erreichte nicht aufs Spiel zu setzen und Künftiges nicht zu verhindern, indem man das Anderssein betont und allein deswegen Vorteile einfordert.

 

Das Interview mit Franco Taisch wurde im Oktober 2014 von Hans Rupp, Geschäftsleiter der ABZ, geführt.