«Wir sind eine Heimatgenerationsmaschine»

Geschäftsführer Hans Rupp gibt in der aktuellen Ausgabe von "Nachhaltig Bauen" Einblick in die ABZ. Zudem wird die Siedlung Balberstrasse 2 vorgestellt.

Die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ) feiert ihr 100-jähriges Bestehen. 11 000 Menschen leben in ABZ-Wohnungen. Geschäftsführer Hans Rupp über eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht, über die ABZ-Wohnkultur und über hoch gesteckte Ziele für die Zukunft.

 

Herr Rupp, Sie sind seit dreieinhalb Jahren Geschäftsführer der ABZ. Ihre persönliche ABZ-Geschichte reicht aber schon viel weiter zurück ...

Genau. Ich bin in einer ABZ-Wohnung aufgewachsen. Wir Kinder konnten immer raus, haben uns draussen auf den Grünflächen oder im Gemeinschaftsraum getroffen, der Samichlaus kam in die Siedlung, wir haben zusammen Papier gesammelt. Es sind wundervolle Erinnerungen. Dass ich heute Geschäftsführer der ABZ bin und damit betriebswirtschaftliche Fragen mit sozialen Prozessen, einem hohen Qualitätsbewusstsein und dem Menschlichen verbinden kann, ist für mich ein echter Traumjob.


Wie ist denn die ABZ damals eigentlich entstanden?

Das fasziniert mich bis heute. Da haben sich ein paar entschlossene Menschen aus der Arbeiterklasse zusammengetan und beschlossen: Wir machen Hilfe zur Selbsthilfe. Wir versuchen die Menschen zu begeistern für die Idee, dass es eine allgemeine Baugenossenschaft geben soll, welche günstigen und gesunden Wohnraum zur Verfügung stellt. Und diese Idee war so stark, dass sich sehr viele Menschen engagiert haben, auch finanziell, obwohl die ABZ damals noch kein einziges Haus besass.


Wie ging es weiter?

Zu Gründerzeiten stand «Gesundes Wohnen mit Platz» an erster Stelle. In den 70er- und 80er-Jahren hat man dann vor allem Familienwohnungen gebaut. Später haben wir Waschsalons realisiert, die Hausgemeinschaften 55+ für ältere Menschen aufgebaut, oder ein Haus für Alleinerziehende Mütter zur Verfügung gestellt, welches über zusätzliche Räume verfügt, um gemeinsam die Betreuungssituation zu regeln. Beim Raumprogramm orientierte sich die ABZ schon immer an den Menschen und ihren Bedürfnissen.

Der Grundgedanke von damals gilt bis heute: Wir bauen nicht nur für jene, die schon dabei sind, sondern wollen kontinuierlich weiter wachsen und bezahlbaren Wohnraum für noch mehr Menschen schaffen.


Was sind die heutigen sozialen Bedürfnisse?

Ein immer grösseres Thema wird in Zukunft Wohnen und Arbeiten sein. «Homeoffice» ist hier das richtige Stichwort. Ein weiteres Thema ist die  Flexibilisierung der Familiensituation. Es gibt heute ganz viele Lebensentwürfe: Patch-Work-Familien, Familien, die sich trennen und immer mehr Ein- Personen-Haushalte. Auf solche veränderten Bedürfnisse versuchen wir zu reagieren. Die ABZ will Wohnraum über alle Lebensphasen hinweg anbieten können und das wird uns, so denke ich, in Zukunft noch ziemlich fordern.


Das sind hohe Ansprüche. Wie könnten denn Lösungen dafür in der Umsetzung aussehen?

Danke für das Kompliment. Hohe Ansprüche gehören zur ABZ. Wir suchen immer wieder Herausforderungen, weil wir überzeugt sind, nur wenn man sich reinkniet, kommen wirklich gute Lösungen heraus. Aber sie sprechen eine wichtige Schwierigkeit an: Wir haben eine gebaute Realität und die kann man nicht einfach verändern. Genauso wollen wir auch nicht einfach Wohnungen zu Büroräumen umnutzen und im grossen Stil Shared Workspaces daraus machen. Letztlich geht es auch darum, Wohnraum zu erhalten. Wir weisen aber schon länger flexible Räume aus. Zusatzzimmer, welche man – sofern man die Belegungsvorgaben einhält – dazu mieten kann.


Wenn ich mit Architekten spreche, dann höre ich immer: Gemeinschaftsräume werden nur gebaut, nicht wirklich benutzt, ist das bei der ABZ anders?

Die ABZ hat sehr hohe Kompetenzen und Erfahrung in Zusammenleben fördernder Baukultur. Wir unterstützen unsere Bewohnerinnen und Bewohner im Prozess, die Gemeinschaftsräume zu gestalten und auch zu benutzten. Ich glaube das ist ganz wichtig. Bei Neubauten werden die Gemeinschaftsräume nicht mehr fixfertige gebaut, sondern wir entwickeln den Raum zusammen mit den Bewohnern. Da schaut man auch, wofür der Raum schlussendlich gebraucht werden soll und was er leisten muss.

Was ist der USP der ABZ?

Die meisten Leute würden sagen: Das Kostengünstige Bauen. Das ist sicher ein wichtiger Teil. Aber wichtig ist auch: Wir sind eine Art Heimatgenerationsmaschine. Wir geben den Leuten einen Ort, wo sie fair behandelt werden, und wir kooperieren auf Augenhöhe mit ihnen. Das fördert den Bezug zur Wohnung, zur Genossenschaft, zum Quartier, zueinander und letzten Endes auch zum Staat. Diese hohe Identifikation führt dazu, dass sich die Leute engagieren wollen. Und wenn sie möchten, können sie ein ganzes Leben in der ABZ verbringen.

 

Wo liegen denn die Lösungen in der Zukunft für bezahlbaren Wohnraum in der urbanen Agglomeration Zürich?

Wir machen nicht überall mit. Wir wollen, dass für eine 4½-Zimmer-Wohnung als Preisetikette schliesslich nicht mehr als  ein  Preis  von Fr. 2000.– dranhängt. Das ist unser Ziel. Beim Projekt Hardturm beispielsweise, mit welchem wir vor die nächste Generalversammlung gehen, wird eine 4½-Zimmer-Wohnung ca. 1650 Franken inkl. Nebenkosten kosten.


Wow, das ist ein sensationeller Preis für eine Wohnung in der Stadt Zürich. Wie machen Sie das?

Ein gewichtiger Faktor ist natürlich der Baurechtszins. Aber die ABZ verfügt über hohe Kompetenzen darin, wie wir die Projekte entwickeln und mit den Totalunternehmern verhandeln und zusammenarbeiten. Manchmal müssen wir aber auch Nein sagen zu einem Projekt, das interessant wäre, mit welchem wir aus preislichen Gründen oder aufgrund der Rahmenbedingungen jedoch nicht mehr die gewollte Qualität erreichen können.

 

Sie haben derzeit 11000 Bewohner, wo liegen die Grenzen der ABZ?

Wir werden weiterhin kontinuierlich wachsen. Aber weder  unsere Verwaltungsstrukturen noch unsere Genossenschaftsstrukturen sollen dabei überfordert werden. Für die nächsten Jahre haben wir eine gut gefüllte Pipeline mit Neubauprojekten. Auch sonst gibt es immer wieder Möglichkeiten zu wachsen, zum Beispiel bei Ersatzneubauten, wo oft eine Ausnützungsreserve vorhanden ist und man durch bessere Verdichtung mehr Wohnraum generieren kann. In Zukunft wollen wir auch vermehrt Kooperationen eingehen.


Wie wichtig sind die letzten Jahre energieeffizientes Bauen und Gebäudestandards für die ABZ geworden?

Wir orientieren uns an den Zielen der 2000- Watt-Gesellschaft. Das heisst aber nicht, dass wir auf Teufel komm raus immer die energieeffizienteste Lösung suchen, oder jedes Label adaptieren. Wir suchen gute Lösungen unter Berücksichtigung aller Aspekte, die wichtig sind. Man könnte noch viel mehr machen, aber dann hätten wir teilweise eben nicht diese Preise, die wir anbieten können.

 

Zum Schluss: Die ABZ entwickelt zusammen mit der ETH Zürich eine genossenschaftlich organisierte Landstadt zur Unterstützung der Landbevölkerung in Äthiopien. Das ist weit weg von ihrem Kerngeschäft. Warum tun sie das?

Globale Veränderungen wie der Klimawandel oder das Thema Flüchtlinge betreffen uns alle und haben – obwohl sie weit weg scheinen – immer auch direkte Auswirkungen auf uns hier in der Schweiz. Auch wir stehen in der Verantwortung. Wenn es sich, wie hier in Äthiopien, anbietet, dass wir mit unserem Knowhow einen Beitrag leisten können, damit die Landbevölke- rung lernt, sich genossenschaftlich zu organisieren und dabei eine nachhaltige Landstadt entsteht, dann machen wir das gerne. Weitere solche Projekte sind derzeit nicht geplant. Wir sind  keine  Entwicklungshilfe-Organisation, aber ich finde es gut, wenn wir unsere Erfahrung weitergeben können.

 

Das Interview erschien erstmals im Fachjournal Nachhaltig Bauen, 3/2016.

Lesen Sie auch den Artikel über die erste Holzbausiedlung der ABZ.