«Ältere Menschen werden im urbanen Raum stärker integriert»

Dr. Joëlle Zimmerli - Soziologin, Planerin FSU und Geschäftsführerin von Zimraum - sprach mit der ABZ über die Rolle der Städte als Lebensraum für ältere Menschen.

Frau Zimmerli, würden Sie gerne in der Stadt alt werden? 

Unbedingt. Es hat ein breites Versorgungsangebot von Kultur bis Medizin und man kommt ohne Auto aus. Überhaupt sind die Wege in der Regel kürzer. In meinen Studien habe ich herausgefunden, dass Städter auch im Alter extrovertierter leben. Sie verbringen mehr Zeit ausserhalb ihrer Wohnung als ihre Altersgenossen aus der Agglomeration oder ländlicheren Gebieten. Ausserdem gibt es oft ein dichteres Netz an Freunden und Verwandten.

 

Das heisst, das Bild der anonymen Stadt ist nicht ganz richtig?

Es ist viel eher umgekehrt. Ältere Menschen werden im urbanen Raum stärker integriert. Auch, weil sie als Gruppe selten als solche wahrgenommen würden etwa im Theater, in der Bibliothek oder in der Yoga-Stunde.

 

Haben die Städte sich auch baulich an den demografischen Wandel angepasst? 

Zum Teil, ja. Fast alle Neubauten sind so normiert, dass sie auch mit eingeschränkter Mobilität gut bewohnbar sind. Aber gerade bei den Genossenschaften gibt es ein Überangebot von Familienwohnungen. Kleinere bis Kleinstwohnungen sind noch selten, weil die Zielgruppe Familien sind.

 

Würden solche Wohnungen selbstbestimmtes Leben im Alter fördern?

Unbedingt. Wenn sie auch preislich in einem leistbaren Segment liegen. Heute wohnen viele ältere Menschen in sehr günstigen Wohnungen, einfach weil sie schon sehr lange dort sind. Werden diese Häuser dann saniert, kann das problematisch werden. Hier könnten auch Altersgenossenschaften sinn voll sein, für Leute die wenig Geld haben.

 

Sind Nachbarn wirklich so wichtig für ältere Menschen?

Man kann sicher sagen, dass eine ruhige und konfliktfreie Gegend von vielen gewünscht wird. Weil Senioren mehr daheim sind und mitbekommen, was rundherum läuft. Durch ihre lange Wohndauer sind sie oft verwurzelt im Quartier und kennen Leute. Wenn auch weniger aktiv, als zu der Zeit, als sie etwa mit eigenen Kindern im Haushalt lebten. Wenn jemand weniger Kontakte hat, kann das aber auch ein bewusster Entscheid sein. Das muss aber nicht heissen, dass die Person einsam ist.

 

Foto: Mirjam Graf
Foto: Mirjam Graf

 

Trägt die Digitalisierung zu einer besseren Vernetzung bei? 

In der letzten, pflegebedürftigen Lebensphase bieten Smartphones und intelligente Systeme in Wohnungen wichtige Hilfeleistungen für den Notfall. Davor fällt wohl eher die soziale Komponente ins Gewicht. Auf den sozialen Netzwerken sind ältere Menschen die am schnellsten wachsende Gruppe. Sie haben entdeckt, dass man sich auf Facebook und Whats-App hervorragend organisieren kann. Es ist aber auch so, dass dies eher jene tun, die sowieso schon aktiv sind. Die Digitalisierung kann also auch eine Kluft öffnen.

Das Interview führte Seraina Kobler.