Hier wächst Nachbarschaft
Manchmal braucht es nur ein paar Engagierte, damit ein Ort aufblüht: In der Siedlung Wipkingen wurde dank dem Einsatz von Bewohnenden aus einem unscheinbaren Innenhof eine lebendige Gartenoase.
Nahe beim Wipkingerplatz liegt eine kleine Gartenoase. Die Novembersonne durchdringt allmählich den Zürcher Stadtnebel. In der Luft liegt ein herbstlicher Duft nach feuchter Erde und Holz. Das leise Rauschen des Verkehrs verrät, wie zentral die Siedlung Wipkingen liegt. Sie ist eine der ältesten der ABZ. Der Innenhof ist von Wohnhäusern umgegeben, im unteren Teil reihen sich Gartenbeete aneinander. Zwischen Asphalt und Autolärm hat sich hier ein Stück Natur ihren Platz zurückerobert: Wer den Innenhof betritt, lässt die Stadt für einen Moment hinter sich. Diese grüne Oase ist das Ergebnis von engagierten Bewohnenden – und einer Genossenschaft, die solche Ideen unterstützt.
Vom 70er-Grün zum naturnahen Garten
Als Katja Zaugg mit ihrem Partner und ihren beiden Töchtern 2013 in die Siedlung Wipkingen einzog, sei der Innenhof noch im Stil einer 1970er-Bepflanzung und kaum belebt gewesen: «Bodendeckende Stauden, ein Mix aus Bäumen und Sträuchern – mit naturnah und vielfältig hatte das wenig zu tun», so Katja Zaugg. «Da kam mir die Idee, den Innenhof aufzuwerten.» Gemeinsam mit zwei Nachbarinnen wandte sie sich an die ABZ-Geschäftsstelle. Die ABZ fördere Engagement in den Siedlungen, das Gemeinschaft und Zusammenhalt stärke: Ihr Konzept für Gartenbeete im Innenhof wurde bewilligt und legte den Grundstein für die Gartengruppe. «Ein ABZ-Gärtner rodete, brachte humusreiche Erde und setzte auf eine Bepflanzung, die eine hohe Biodiversität für Flora und Fauna bietet. Alte Äste lassen wir als Winterquartier für Igel liegen. Seither leben in unserem Garten neben Igeln eine noch grössere Anzahl Insekten, Eidechsen, Wildbienen und Vögel», sagt Katja Zaugg. Der einst nüchterne Hof sei in den letzten zehn Jahren sichtbar aufgeblüht – als Lebensraum für Pflanzen und Tiere und als Treffpunkt für Nachbar:innen.
Wachsen, jäten, ernten – und miteinander reden
Die Gartengruppe in der Siedlung Wipkingen besteht aus acht Parteien. Neben den gemeinsamen Gartenbeeten kümmert sich jede Partei um ihr eigenes Beet. Die Gartengruppe ist locker über eine WhatsApp-Gruppe organisiert. Die meisten Begegnungen fänden spontan im Innenhof statt – beim Jäten, Giessen oder Aussäen. Neue Mitglieder seien jederzeit willkommen. «Meine Motivation für den Garten ist einfach: Es macht mich glücklich zu sehen, was hier alles wächst – und ich buddle gern in der Erde. Gestaltet man einen Garten naturnah, erobert sich die Natur ihren Platz unglaublich schnell zurück. Auf einmal kreucht und fleucht es überall; sobald Vögel, Insekten und Kleintiere genügend Futter finden.»
Nächstes Jahr will die Gartengruppe Topinambur, Spargeln und Kardy, ein mit Artischocken verwandtes Gemüse, anpflanzen. In den gemeinsamen Beeten würden Gemüse und Kräuter gesät, die möglichst wenig Arbeit machen, so Katja Zaugg. «Im Frühling säen wir zusammen aus, nach Bedarf wird gejätet und dann gemeinsam geerntet. Jede und jeder bekommt seinen Anteil.» Der Garten ist gleich vor der Haustür – das sei praktisch, sagt die Initiatorin der Gartengruppe, «so kann man auch zwischendurch schnell im Garten arbeiten.» Der Garten füge sich so ganz selbstverständlich in den Alltag ein – und der Gewinn an Lebensqualität, Begegnungen sowie dem einen oder anderen frischen Salat sei gross.
Genossenschaftliches Wohnen als Familienprojekt
Katja Zaugg ist glücklich, in der Siedlung Wipkingen zu leben. Alles sei in Gehdistanz oder mit dem Velo erreichbar. «Für mich und meine Familie war klar, dass wir genossenschaftlich wohnen möchten. Engagement wie in der Gartengruppe passt zu Katja Zauggs Werten: gemeinschaftlich wohnen, Verantwortung teilen und die Zukunft mitdenken. Für sie und ihre Familie heisst genossenschaftliches Wohnen auch, das Zusammenleben aktiv mitzugestalten – im Garten, im Innenhof und darüber hinaus.
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